Wir starten im Sommer

Auch wenn der Sommer fast vorbei ist, möchte ich mit einer Sommerfarbe beginnen. Da steht sie wieder, pünktlich im Juni, so wie in jedem Jahr, meine Armee reinweißer sibirischer Iris, stramm und aufrecht, eine Stärke und Zuversicht ausstrahlend, die immer sofort auf mich überspringt. Ich spüre, wie ich mich sofort selbst ein wenig aufrichte, die Schultern nach hinten ziehe und beginne zu wachsen, wie die Stärke und Energie auch in mir spürbar wird und ich mich mit diesem Gefühl den Aufgaben des Lebens zuwenden kann.

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Später am Abend dann, wenn die Dämmerung bereits Einzug gehalten hat, springen wirre weiße Punkte scheinbar schwebend durch die Luft, gehalten an unsichtbaren kleinen Ästchen.

Was ist das Besondere an der Farbe Weiß?

Und warum erscheint sie in der Dämmerung so mystisch und geheimnisvoll? Die Farbe Weiß entsteht, wenn alle Lichtstrahlen einer Oberfläche reflektiert werden, es entsteht die höchstmögliche Helligkeit. Wie es letztendlich aussieht, ist abhängig von der Struktur und natürlich von der Lichtintensität. Ist es ein reines Weiß oder sind blaue Anteile enthalten? Erscheint ein reines Weiß durch die Beeinflussung durch seine Umgebung als rosa oder grau? Erzeugt es in der Umgebung eher einen kühlen Effekt oder berührt es durch friedliche Schlichtheit, die beruhigend und klärend auf den Betrachter wirkt?
Was ist das Wesen der Farbe und wie entfaltet sich seine Wirkung im Garten auf den subjektiven Betrachter? Durch das Zusammenspiel von Licht und Struktur gestaltet die Natur ihre ganz eigenen Kompositionen. Greift der Gärtner in diese gezielt ein, so kann er mit dem Einsatz bestimmter Farben ganz unterschiedliche Wirkungen erzielen und harmonische oder spannungsgeladene Situationen schaffen. Farbe ist eine Erscheinung, die nur bei einem bestimmten Lichteinfall auftritt, sie wird in Zusammenhang mit anderen Farben und der Umgebung wahrgenommen. Die Wirkung verändert sich durch die Art und Stärke des Lichts und auch durch die Form und Struktur ihres Trägers. Auch die Größe der Fläche des Trägers und die Entfernung des Betrachters spielen eine Rolle bei der Wahrnehmung von Farbe und ihrer Intensität. Der Gärtner kann also durch die Anordnung unterschiedlicher Farben Situationen kreieren, die wiederum beim Betrachter ganz individuelle Emotionen hervorrufen können. In der Kunst: gestaltet ein Künstler seine subjektive Wahrnehmung und, wenn es gelingt, entsteht beim Betrachter wiederum eine intensive subjektive Erfahrung. Nehmen wir als Beispiel die impressionistische Arbeitsweise von Claude Monet: durch das Einfangen extremer Farbgegensätze im Garten in einem ganz bestimmten Augenblick unter einem ganz bestimmten Lichteinfall war es seine Intention, genau diesen Augenblick in seiner Wirkung auf ihn darzustellen.

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Garten und Kunst

Der Gärtner hingegen, der mit Farben gestaltet, unterliegt unzähligen Faktoren, die wiederum unzählige Situationen für den Betrachter schaffen. Gertrude Jekyll, die als Gegenentwurf zu den einfallslosen viktorianischen Gärten mit einer langweiligen wiederkehrenden Pflanzenverwendung früh versuchte, sich an der idealen Darstellung der Impressionisten zu orientieren, übertrug die Idee als dreidimensionales Gemälde und schuf monochrome Gärten, deren Farbeffekt durch formale Trennung in Form von z.B. immergrünen Hecken verstärkt wurden. Sah sie als Absolventin der Kunstakademie ihre Berufung zunächst als Malerin, so übertrug sie dieses Wissen später hauptsächlich auf das Gärtnern und propagierte „Besonnenheit und reifliche Überlegung“, mit der Farben im Garten zu setzen seien. Für sie glich die Gartengestaltung dem Malen. Für Penelope Hobhouse, der wohl berühmtesten Gärtnerin Englands ist „das Geheimnis der Farbe“ Thema eines ganzen Buches und „vielleicht gleichbedeutend mit Stimmung und Atmosphäre“. Ihr verdanken wir die wohl differenzierteste Beschreibung des Zusammenspiels von Farben im Garten und ihre Wirkung auf den Betrachter. Ihre detailverliebten Pflanzpläne sind enorm durchdacht und der Gesetze der Farbenlehre entsprechend angeordnet.

Worin begründet sich die besondere Wirkung der unterschiedlichen Farben auf ein Individuum, welche Gefühle können Farben eingebettet in ein spezielles Umfeld auf den Menschen haben? Besinnt man sich auf die Farbenlehre Goethes, so ging es ihm um eine Einteilung in die sinnliche Wirkung der unterschiedlichen Farben. Werden z.B. der Farbe Rot in der modernen Farbpsychologie die Attribute anregend, belebend, wärmend oder durchblutungsfördernd zugeschrieben, so verband Goethe mit ihr die Phantasie. Blau mit seiner eher beruhigenden, blutdrucksenkenden und kühlenden Wirkung war für Goethe Ausdruck des Verstandes. Der Farbe Grün schrieb er die Sinnlichkeit zu, in der modernen Farbtherapie setzt man auf ihre harmonisierende und stabilisierende Wirkung.
Und schließlich Gelb als aufmunternde und aktivierende Farbe fand in Goethes Anschauung die Verknüpfung mit der Vernunft. Nach Einteilung der Farben Goethes in Plusseite und Minusseite stimmen Gelb und Rotgelb (Orange), Gelbrot (Zinnober) lebhaft, regsam, strebend, Blau, Rotblau, Blaurot hingegen unruhig, weich und sehnend.

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Was aber bedeuten die im Garten erscheinenden Farben für das ganz individuelle Empfinden des Betrachters?

Der im englischen Garten beliebte „Hot Garden“ vereint die kräftigen warmen Sommerfarben gelb, orange und rot. Oft ist er spektakulär, üppig, ein bisschen angeberisch und verschwenderisch. Gerade im hellen Sonnenlicht des Hochsommers fühle ich bei der Betrachtung dieser Pflanzenkombination eine gesättigte Lebensfreude, die mich dazu ermuntert, ruhig einmal aus dem Vollen zu schöpfen und die Schönheit der Erde uneingeschränkt zu genießen. Sonnenhut, Sonnenbraut und dazu die unendlich schöne Montbretie bringen die ganze Fülle zum Ausdruck, die unser Leben bereit hält, wir müssen nur zugreifen. Das Erscheinen warmer Gelbtöne, die Versinnlichung der „reifen Ernte“, wie sie häufig in den Bildern van Goghs vorkommt, bringt es auf den Punkt, die Erfüllung lang gehegter Erwartungen, für die sich jeder Moment des Wartens gelohnt hat. Der „Indian Summer“ – jeder kennt mindestens ein sch nes Foto des Central Parks in diesem Stadium – gibt die ganze Bandbreite dieser Farbgebung wider und leuchtet bis ins Universum. Ein reines Blau im Garten ist ein ganz besonderes Ereignis. Karl Förster bezeichnete die Farbe als „ein seltsam anderes Etwas“ und widmete ihr ganz besonders Aufmerksamkeit in seinem Werk „Blauer Schatz der Gärten“. Er beschreibt die „unüberschaubare blaue Welt“, in der von „Berggeheimnissen“ oder „Meeresgefühlen“ die Rede ist und auch von „erschreckend blauen Grüßen aus der Fremde“, wenn er von Lobelien oder Enzian spricht. Tatsächlich ist es für mich die artifiziellste Farbe, die in meinem Garten vorkommt, sie will sich in ihrer reinen Ausprägung nicht so recht in ein Umfeld fügen, in dem rosa und violette Töne selbstverständlicher erscheinen. Der blaue Scheinmohn hat etwas schier außerirdisches an sich, betörend in seiner Schönheit und immer fremd bleibend, behaftet mit einem leichten Schauder in meinem Nacken. Für die Planung und Gestaltung von Gärten ist die Auswahl und Zusammenstellung von Farben also eine sehr komplexe Angelegenheit, wirken doch so viele Faktoren auf den Ausdruck der Farben in ihrer Umgebung ein.

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Sich an den Gesetzen der Farbenlehre zu orientieren ist eine große Hilfe, um zu begreifen, wie zwei Farben sich zueinander verhalten. Sind sie nahe verwandt und bilden sie so Harmonien oder eher Kontraste, eine gewisse Grundstimmung lässt sich bei der Planung von Pflanzungen voraussagen. Hinzu kommen jedoch die ganz individuellen Assoziationen und Gefühle des Betrachters, die so unterschiedlich sein können, dass sie nicht planbar sind. Ob es biographische Erlebnisse sind oder einfach Resonanzen aus einer bestimmten Situation heraus, die Wirkung der Farbzusammenspiele auf die Seele des Betrachters hat in der Kombination mit Strukturen und Pflanzsituationen kein Muster, dem man folgen könnte und das ist auch das spannende daran.

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